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Wie viele Kilometer am Tag auf dem Motorrad?

300 bis 400 Kilometer sind auf Landstraße ein guter Tag, über Pässe eher 200. Warum die Zahl in Stunden gerechnet gehört — und was sie in einer Gruppe kostet.

Stand Lesezeit 7 min Aktualisiert

Lange gerade Landstraße über eine goldene Hochebene im Nachmittagslicht, ein Motorrad klein in der Ferne

Die kurze Antwort: 300 bis 400 Kilometer sind auf kurviger Landstraße ein angenehmer Tag. Über Pässe eher 150 bis 250. Auf der Autobahn schafft man 600, aber dann hat man Autobahn gesehen.

Die längere Antwort ist interessanter, weil die Kilometerzahl das falsche Maß ist. Sie ist nur deshalb üblich, weil sie sich leicht aufschreiben lässt.

Rechnet in Stunden, nicht in Kilometern

Ein Tag hat nicht 400 Kilometer, er hat Stunden. Und die Zahl, die wirklich zählt, ist die Zeit im Sattel — alles andere folgt daraus.

Sechs Stunden Fahrzeit sind für die meisten die Obergrenze eines Tages, nach dem man abends noch etwas vom Ort hat. Was dabei an Kilometern herauskommt, hängt allein am Schnitt:

Streckenart realistischer Schnitt 6 Stunden ergeben
Autobahn, reine Überführung 100–110 km/h 600–660 km
Bundes- und Landstraße, flach 65–75 km/h 390–450 km
Kurvige Landstraße, hügelig 50–60 km/h 300–360 km
Pässe, Serpentinen 35–45 km/h 210–270 km
Enge Bergstraßen, Schotter 20–30 km/h 120–180 km

Diese Schnitte sind Reiseschnitte, keine Fahrgeschwindigkeiten. Sie enthalten schon, was zwischen zwei Kurven passiert: Ortsdurchfahrten, ein Traktor, eine Baustelle, die Ampel. Wer mit seiner Wunschgeschwindigkeit rechnet, kommt zuverlässig zu spät an.

Der Nutzen dieser Rechnung zeigt sich beim ersten gemischten Tag: 120 km Autobahn plus zwei Pässe plus 80 km Landstraße sind nicht „350 km, passt schon", sondern 1,2 + 2,5 + 1,4 = gut fünf Stunden — und damit ein voller Tag, obwohl die Kilometerzahl harmlos aussieht.

Die Ermüdung ist die eigentliche Grenze

Auf dem Motorrad ist nicht der Sprit die knappe Ressource, sondern die Konzentration. Und die fällt nicht linear ab, sondern kippt.

Ein grober, aber erstaunlich belastbarer Verlauf:

  • Stunde 1 bis 3 — die guten Stunden. Hier fährt man am besten und hat am meisten davon.
  • Stunde 4 bis 6 — es geht, wenn genug Pausen dazwischen liegen.
  • Ab Stunde 7 — die Fehler kommen. Man bremst später, guckt kürzer, zieht die Kurve weiter raus. Und man merkt es selbst zuletzt.

Dazu kommen Faktoren, die stärker wirken, als die meisten einplanen: Hitze über 30 Grad kostet schnell ein bis zwei Stunden Leistungsfähigkeit, Regen ebenso, Wind von der Seite ist auf der Autobahn nach zwei Stunden richtig anstrengend. Und ein Tag mit Gegenwind bei 14 Grad im Nieselregen ist kein 400er-Tag, egal was im Plan steht.

Was die Gruppe kostet

Allein fährt man den Plan. Zu fünft fährt man den Plan plus den Aufwand, zusammenzubleiben — und der ist größer, als er sich anfühlt.

Rechnet pro zusätzlicher Maschine etwa zehn Minuten mehr je Halt. Nicht weil jemand trödelt, sondern weil ein Halt bei fünf Maschinen nicht fünfmal parallel, sondern nacheinander abläuft: tanken, Helm ab, trinken, alle wieder bereit. Bei vier Halten am Tag sind das bei fünf Maschinen rund eine Stunde, die niemand eingeplant hat — und damit 50 bis 60 Kilometer weniger.

Zwei weitere Gruppenwirkungen:

  • Die kleinste Reichweite bestimmt den Tankrhythmus. Eine Maschine mit 14 Litern zwingt die ganze Gruppe alle 200 Kilometer an die Säule, auch wenn drei andere 350 schaffen.
  • Die langsamste Fahrerin bestimmt den Schnitt — und zwar richtigerweise. Eine Gruppe, die am Limit ihres schwächsten Mitglieds fährt, fährt nicht schnell, sondern riskant.

Der erste und der letzte Tag zählen halb

Zwei Tage jeder Tour funktionieren nie wie die anderen, und beide werden regelmäßig voll verplant.

Der Anreisetag. Packen, Losfahren, die erste Pause, bis die Gruppe ihren Rhythmus hat — und meistens beginnt er nicht um acht, sondern um halb elf. Zieht ihn um ein Drittel zusammen.

Der Rückfahrtag. Er wird fast nie geplant, weil er sich nicht nach Urlaub anfühlt. Genau deshalb wird er der längste, der unangenehmste und der mit dem Termindruck — und Termindruck auf dem Motorrad ist die schlechteste Zutat von allen.

Die eigene Zahl finden

Die Tabelle oben ist ein Startwert, keine Wahrheit über euch. Der ehrlichste Weg zur eigenen Zahl geht über die letzte Tour:

  1. Nehmt einen Tag, der sich gut angefühlt hat — nicht den weitesten.
  2. Rechnet die reine Fahrzeit aus, ohne Pausen.
  3. Teilt die Kilometer durch diese Stunden. Das ist euer Reiseschnitt.
  4. Multipliziert ihn mit den Stunden, die ihr wirklich fahren wollt.

Wer das zweimal macht, hat eine Zahl, die für die eigene Gruppe stimmt — und die liegt bei den meisten spürbar unter dem, was sie vorher geplant hätten.

Und dann gehört sie in den Plan

Eine Tagesdistanz nützt wenig, solange sie im Kopf einer Person liegt. Sobald die Etappen nummeriert sind und an jeder die gerechnete Fahrzeit steht — für das Fahrzeug, das wirklich fährt — sieht jeder in der Gruppe, ob Tag 3 ein Genusstag ist oder eine Schinderei. Und zwar bevor er gebucht ist.

Wie eine Tour insgesamt aufgebaut wird — Fixpunkte, Übernachtungen, Pausen als eigene Stationen und die Lücken, die sichtbar bleiben sollen — steht im Beitrag Motorradtour planen. Für Gespanne gelten ganz andere Zahlen; die stehen unter Fahrzeit mit Wohnwagen berechnen.

Die nächste Reise fängt mit einem Ort an.

Die Ersten dazuholen könnt ihr, bevor irgendetwas feststeht.

Coming soon…

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